Eine perfekte IT-Sicherheit kann und wird es nicht geben

Was passiert, wenn man Hacker, Geschäftsleute, Piraten und Führungskräfte aus der Verwaltung zusammenbringt und sie über das Thema IT-Sicherheit diskutieren lässt? Man erlebt eine Veranstaltung, die an Lebendigkeit und Meinungsvielfalt ihresgleichen sucht. Bei der zweiten Talkrunde der European Society for eGovernment am 03.04.2014 in Köln waren sich Podium und Publikum vor allem in einem einig: Es geht um viel mehr als nur um technische Aspekte. Es geht um Verantwortung und Verantwortlichkeit.

Die Erkenntnis, dass wir nicht mehr über unsere eigenen Daten verfügen, lässt uns hilflos zurück – so formulierte es eine Zuhörerin. Soll man angesichts der großen Menge privater Daten im Internet und ihrer einfachen Verteilbarkeit deshalb das Ende der Privatsphäre einläuten und Datenschutz bewusst aufgeben? Soll man darauf drängen, das deutsche von allen anderen Netzen abzuschotten? Oder ist Datenvermeidung allein die ultima ratio?

Open Source, Facebook, Open Data, NSA: So groß das Themenspektrum der IT-Sicherheit ist, so kontrovers wurde die von Guido Gehrt vom Behörden Spiegel moderierte Diskussion geführt. Natürlich sind Daten ein zentrales und deshalb schützenswertes Gut der Informationsgesellschaft. Und natürlich ist die Bedrohung nicht nur eingebildet. Reinhold Harnisch, Geschäftsführer des Kommunalen Rechenzentrums Minden-Ravensberg / Lippe, machte deutlich: Öffentlich stehen Einwohnerdaten zur Verfügung, personenbezogene Personal- und Sozialunterlagen sind frei über das Internet zugänglich und Hacker-Angriffe auf das interne Verwaltungsnetz bestimmen den Alltag. Die Sicherheitsstrukturen in Wirtschaft und Verwaltung sind oft mangelhaft.

Aber Schutz um jeden Preis? Für Jochim Selzer, Mitglied im Chaos Computer Club und im Arbeitskreis Vorratsdatenspeicherung, liegt die Kunst darin, immer wieder neu zwischen Chance und Risiko abzuwägen. So ist Big Data nicht per se zu verurteilen. Die Auswertung großer Datenmengen kann auch helfen, Wissen über Verlauf und Verbreitung von Krankheiten zu erlangen, Produkte zu optimieren und künftige Entwicklungen von Lebensräumen besser abzuschätzen.

Abwägen können setzt allerdings Kompetenz voraus: Nach Meinung von Frank Herrmann, Mitglied der Piratenpartei Deutschland und Abgeordneter des Landtages NRW, sind Medienkompetenz und Aufklärung in der modernen Wissensgesellschaft deshalb das A und O. Nur mündige Bürger können sich verantwortungs- und gefahrenbewusst im Netz bewegen. Es bedarf entsprechender Maßnahmen des Staates, um diese elementaren Kompetenzen zu fördern.

Elisabeth Slapio, Geschäftsführerin der Industrie- und Handelskammer zu Köln, forderte schließlich, dass IT ganz neu gedacht, in ein neues Wertesystem gebracht wird. Denn: Keimzelle all dessen, was diskutiert wird, ist Innovation. Innovation braucht Kultur und Kultur braucht Werte. Von daher war es nur konsequent, dass Willy Landsberg, Vorsitzender der European Society for eGovernment, abschließend die Frage stellte, ob die Zeit reif sei für eine neue Kulturdebatte. Denn: Nur aus technischer Perspektive wird man das Thema nicht erschöpfend behandeln können.

Dies deutlich zu machen, diesen Diskurs anzustoßen und Meinungsbildung über alle gesellschaftlichen Ebenen hinweg zu fördern, ist Auftrag der ESG. Es ist ihr, ihren Gästen und dem Publikum an diesem Abend in Köln hervorragend gelungen. Der Schwerpunkt der Folgeveranstaltung übrigens wird auf Anregung der Teilnehmer stark auf praktischen Lösungsansätzen liegen.

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